Medizinische Cannabinoide optimieren Schmerztherapie bei älteren Patienten mit deutlicher Opioid-Reduktion

Die Anwendung medizinischer Cannabinoide (CAM)1 bei älteren Patienten eröffnet spannende Perspektiven in der Schmerztherapie, obwohl Datenmaterial dazu noch begrenzt ist. In der klinischen Praxis gewinnt die Verschreibung von CAM1 für ältere Patienten zunehmend an Bedeutung, insbesondere bei Indikationen wie chronischem Schmerz und eingeschränkter Lebensqualität. 

Im Jahr 2019 berichteten Wendelmuth et al. über den therapeutischen Nutzen von CAM1 bei älteren Menschen mit tolerablen Nebenwirkungen im ambulanten Praxisalltag. Besonders bei psychosomatischen2 Begleitreaktionen wie Schlaflosigkeit, Angst oder affektiver Verstimmung erweisen sich CAM1 als lohnende Therapieoption mit kalkulierbarem3 Nebenwirkungsrisiko. Eine wichtige Erkenntnis dabei ist die potenzielle Reduktion von Opioiden und Analgetika4 als entscheidender Therapieeffekt von CAM1. 

Es ist von entscheidender Bedeutung, bei der Betrachtung des therapeutischen Potenzials von CAM1 zu beachten, dass ältere Patienten bereits bekanntermaßen unter den Nebenwirkungen von Analgetika4 und Neuropsychopharmaka5 leiden. Infolgedessen sollte die Reduktion von Opioiden und Analgetika4 als ein bedeutender Therapieeffekt von CAM1 betrachtet werden. Diese Erkenntnis hebt nicht nur die Wirksamkeit von CAM1 hervor, sondern betont auch ihre mögliche Rolle als schonende Alternative zu herkömmlichen Schmerzmitteln (1). 

Die vorliegende Studie von Gastmeier et. al von 2023 hatte das Ziel, Patientencharakteristika und die Verordnung von CAM1 in Verbindung mit komedizierten6 Opioiden zu erfassen (2). Verwendete CAM1 waren Dronabinol, Nabiximols und Cannabisextrakte. 
Die Datenerhebung erfolgte retrospektiv7 in einer ambulanten Schmerztherapiepraxis, wobei 178 Patienten in die Beobachtungsgruppe aufgenommen wurden. Unter den Teilnehmern der Beobachtungsgruppe erhielten 115 zusätzlich zu den CAM1 auch eine Opioid-Medikation. Die Kontrollgruppe bestand aus 156 Schmerzpatienten, die ausschließlich mit Opioiden behandelt wurden.  
Die Mehrheit der Patienten litt unter Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, des Bindegewebes und des Nervensystems. 

Frauen benötigen geringere CAM-Dosierungen als Männer

Interessanterweise wiesen Männer im Vergleich zu Frauen einen höheren Bedarf an CAM1 auf (14,8 mg gegenüber 8,1 mg) auf, unabhängig von der Altersgruppe. Dies bestätigte frühere Erkenntnisse, dass Frauen bei gleicher Wirkung signifikant weniger THC8 benötigen (3). 

CAM-Therapie bei älteren Patienten zeigt eindrucksvolle Opioidreduktion
 

Über 80% der Teilnehmer setzten die CAM1-Therapie bei konstanter Dosierung kontinuierlich fortsetzten.  
In der Beobachtungsgruppe reduzierte sich der Opioidverbrauch bei zwei Dritteln der CAM1-Patienten im Verlauf um etwa 50%, unabhängig von der THC8-Dosis. Diese Reduktion ermöglichte eine bessere Verträglichkeit der chronischen Schmerztherapie, Wendelmuth et al. beschrieben ähnliche eindrucksvolle Opioid Einsparungen.  

Im Gegensatz dazu blieb die Opioid Dosierung in der Kontrollgruppe, die ausschließlich auf Opioide setzte, unverändert. 

Die Studie unterstreicht die gute Verträglichkeit von CAM1, da nur 5,6% der Patienten die Einnahme aufgrund nichtschwerwiegender Nebenwirkungen abbrachen. 

Gute Verträglichkeit und stressreduzierende Wirkung bei niedrigen Dosierungen

Die Wirksamkeit niedriger CAM1-Dosierungen, insbesondere bei älteren Patienten, wurde durch einen durchschnittlichen THC8-Tagesbedarf von 9,75 mg im niedrigen Dosisbereich belegt. Diese Dosierungen zeigten subjektiv stressreduzierende Wirkungen, während höhere THC8-Dosen über 12,5 mg zu einer erhöhten negativen Stimmung führen konnten. Insbesondere bei spastischen Schmerzen führten etwa 7,5 – 8 mg/d THC8 zu einer signifikanten Schmerzreduktion. 

Insgesamt weist diese Studie darauf hin, dass bereits eine geringe THC8-Dosisierung über lange Zeiträume einen positiven Effekt bei älteren Patienten mit chronischen Erkrankungen haben kann. Dies könnte nicht nur zu einer guten Verträglichkeit beitragen, sondern auch zu einer signifikanten Opioid Reduktion in diesem Patientengut, was potenziell zu einer Verringerung der unerwünschten Opioid Nebenwirkungen führen könnte. Die Studie empfiehlt eine bewährte Therapiestrategie: „start low, go slow, stop hard und frühzeitig auf den Einsatz von (niedrigen) CAM1 umzusteigen. 

Glossar

  1. CAM: Cannabisarzneimitteln

  2. psychosomatisch: bezieht sich auf die Wechselwirkung zwischen psychischen Faktoren und körperlichen Symptomen 

  3. kalkulierbar: abschätzbar, vorhersehbar 

  4. Analgetika: Schmerzmittel 

  5. Neuropsychopharmaka: Medikamente zur Behandlung von verschiedenen psychischen Störungen 

  6. Komedikation: gleichzeitige Anwendung mehrerer Medikament

  7. retrospektiv: rückwirkend 

  8. THC: Tetrahydrocannabinol 

Literaturverzeichnis

  1. Wendelmuth C, Wirz S, Torontali M, Gastmeier A, Gastmeier K. [Dronabinol in geriatric pain and palliative care patients : A retrospective evaluation of statutory-health-insurance-covered outpatient medical treatment]. Schmerz. 2019;33(5):384-91. 

  2. Gastmeier K, Gastmeier A, Rottmann F, Herdegen T, Böhm R. [Cannabinoids reduce opioid use in older patients with pain : Retrospective three-year analysis of data from a general practice]. Schmerz. 2023;37(1):29-37. 

  3. Matheson J, Sproule B, Di Ciano P, Fares A, Le Foll B, Mann RE, et al. Sex differences in the acute effects of smoked cannabis: evidence from a human laboratory study of young adults. Psychopharmacology (Berl). 2020;237(2):305-16

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